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Auf dem Berg lebt der Mythos, 1142 Meter über Null. Hier haben Hexen der Überlieferung nach ihr Unwesen getrieben. Frauen, die von Teufeln besessen gewesen sein sollen und die deshalb die katholische Kirche vom 14. bis 18. Jahrhundert der Inquisation aussetzte. Im Harz erinnern viele Jahre daran: etwa die Walpurgisnacht (die Nacht auf den 1. Mai) oder der Hexentanzplatz, gegenüber der Roßtrappe gelegen, einem steilen Granitfelsen bei Thale im Oberharz.
UKW-Sender von 1938
In dieser Gegend wurde aber auch Rundfunkgeschichte geschrieben - die der
Kommunikation. Ihr Wahrzeichen ist der älteste Fernsehturm des Landes, hoch oben auf dem
Blocksberg, auch Brocken genannt. Erbaut wurde er von 1935 bis 1937. Der UKW-Sender, den
die Firma Telefunken 1938 installiert hatte, diente der Radioübertragung von Witzleben
aus ins ganze Land. Mit Kriegsbeginnn 1939 hatte die zivile Nutzung des Turm allerdings
bereits ein Ende. Die Wehrmacht installierte Relais für militärische Funknetze und baute
insgesamt 40 Störsender auf, um den Allierten dazwischenzufunken.
Erst 1951 nahm die Deutsche Post der DDR wieder einen UKW-(Radio-)Sender in Betrieb, und
ab 1955 wurde auch das DDR-Fermsehen über den Brockensender übertragen. Ob
"Aktuelle Kamera", "Ein Kessel Buntes" oder "Polizeiruf 110"
- produziert wurden sie alle in Berlin, und abgestrahlt über den Hexenberg. Auch die
fünf Radiostationen der DDR sendete über die Brocken-Anlagen. Selbst das zuweilen
systemkritische Jugendradio DT64 hatte ab 1987 auf dem Harzber Berg seinen UKW-Sender.
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Fast alle Anlagen stammten aus dem Westen. 1959 wurde eine Siemens-Fernsehanlage installiert. Ihr 50 Meter hoher Stahlmast auf dem Dach des 40 Meter hohen Turms wurde im Kalten Krieg zum Wahrzeichen des Berges. Nach dem Ende der DDR wurde die Anlage abgebaut und ist seither im Postmuseum Berlin ausgestellt. Das 400 Tonnen schwere Antennenfundament im Kopf des Turms wurde allerdings erst bei der aufwändigen Sanierung des Turms 1999 ausgebaut.
Spione am Werk
Auch die zweite Anlage, die 1967 während der Konfrontation
der politischen Machtblöcke auf dem Brocken installiert wurde, kam aus dem Westen: ein
TV-Sender der Firma Thomson. Da er damals aufgrund der geltenden Embargobestimmungen über
die Sowjetunion importiert wurde, "hatten wir einen französischen Sender mit
vorwiegend englischen Bauelementen, russischer Beschriftung und französischer
Beschreibung", erinnert sich Gustav Witte, Amateurhistoriker in Sachen
Funkgeschichte.
Die Sendeanlagen waren von je her auch für Spione interessant. Unmittelbar nach dem Krieg
wurden sie von der sowjetischen Armee zum Ausspionieren des Westens genutzt, nach deren
Abzug dann von den gefürchteten Denunzianten der Staatssicherheit. Die Stasi belegte ein
Stockwerk des Turms nach dem anderen, bis sie Mitte der 60er Jahre dann einen eigenen
Neubau erhielt, die sogenannte "Moschee", der sie den Tarnnamen
"Urian" gab. Von dort hörte der Geheimdienst die Richtfunkstrecken des
Telefonverkehr zwischen Westdeutschland und West-Berlin ab.
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Außerdem war der Turm die Basis, von der aus die Stasi
jene Agenten führte, die sie in der Bundesrepublik eingesetzt hatte. Wollten die eine
Nachricht an ihren Führungsoffizier absetzen, fuhren sie oftmals zum "Torfhaus"
[dort ist auch der Sender "Harz" des NDR], der nächsten Erhebung jenseits der
Grenze, um von dort aus ihre Informationen an den Brocken zu funken. Sie waren sicher,
dass auf dieser kurzen Strecke zwischen den Blöcken niemand ihre Nachrichten mithörte.
Vorbei die Zeiten des kalten Krieges. Heute ist alles friedlich in diesem unwegsamen
Stück Deutschland, das zum "Nationalpark Oberharz" wurde.
Quelle: digits - das Magazin der Beutschen Telekom, Ausgabe 3/2000
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(c) Hans Müller November 2000, zuletzt geändert am 5.1.2001